Sonntag, 11. Juni 2017

Weitermachen




Laut Verena Knast gibt es vier Phasen der Trauer:

Phase 1 : Leugnen, Nicht-wahr-haben-wollen

Phase 2 : Intensive aufbrechende Emotionen

Phase 3 : Suchen, Finden, Loslassen 

Phase 4 : Akzeptanz und Neuanfang

Schön wäre es ja, wenn man eine Phase nach der anderen abhandeln könnte. Aber so ist es nicht. Nicht bei mir.
Was ich in den letzten Wochen gelernt habe, ist, das die Trauer unberechenbar ist.
Es gibt Tage, an denen bin ich euphorisch und ich glaube zu wissen, das ich meinen Weg ohne Anna finden werde. 
Und dann gibt es die Tage, wo mich ganz plötzlich die Welle der extremen Traurigkeit überrollt. 
Der Gedanke "Anna kommt nie wieder" ist dann so absurd - und es fühlt sich für ein paar Sekunden an, als hätte ich es in dem Augenblick gerade erst erfahren. 
Es schmerzt - unheimlich doll und die Sehnsucht nach ihr steigt ins unermessliche. 
Es gibt aber auch Tage, an denen ich viele Fotos von ihr anschaue und wunderbare Erinnerungen kommen hoch und ich lächle. Ich freue mich darüber und ich bin so so dankbar.
Wir hatten so schöne und intensive Zeiten zusammen. Ich halte daran fest. Ganz fest. Für immer.

Vor ein paar Wochen hatte ich den extremen Wunsch nach einer Veränderung. Noch einer. 
Doch diesmal wollte ich entscheiden. 
Bei Anna hatte ich keinen Einfluss auf die Veränderung - die Entscheidung wurde mir abgenommen. 
Ich habe mich dazu entschieden, mich beruflich zu verändern. Seit dem 01. Juni arbeite ich nun nicht mehr im Kindergarten, sondern in einer integrativen Krippe. Neues Team, neue Arbeitszeiten, weniger Stunden arbeiten, mehr Lebenszeit für mich. 
Diese Veränderung hat mir Aufschwung gegeben.


Anfang des Jahres habe ich mir zwei große Ziele gesetzt, die ich 2017 erreichen möchte.
Ich war bis zu Anna's Tod sehr motiviert und habe in kleinen Schritten schon etwas geschafft, was mich weitergebracht hat. 
Anna's Tod hat mich gelähmt. Er nahm mir all die Kraft und die Motivation weiterzumachen.
Verständlich - für eine gewisse Zeit.
Nun möchte ich weitermachen. Weitermachen für Anna. Das hätte sie so gewollt - schließlich hat das eine Ziel viel mit ihr zu tun:

Ich möchte im September den Jakobsweg gehen.

Anna und ich haben viel darüber gesprochen und wäre ihre Krankheit nicht gewesen, wäre sie so gerne mitgekommen. Sie hat mich in meinem Vorhaben immer bestärkt und unterstützt. 
Vor ihrem Tod habe ich mich täglich mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich habe viel darüber gelesen, habe angefangen zu trainieren und habe mir Wanderschuhe gekauft.
Und dann brach es ab. 
Jetzt nehme ich die Zügel wieder in die Hand. Das Ziel ist wieder vor Augen und nächste Woche möchte ich den Flug buchen.
Leider kann ich mir nicht mehrere Wochen Urlaub nehmen, um komplett die 800 km zu gehen (doch irgendwann werde ich es machen!). Hinzu kommt, das ich erstmal schauen muss, ob ich es körperlich schaffe. Ich habe eine beidseitige Hüftfehlstellung und bei extremer Belastung habe ich enorme Schmerzen. Deshalb fange ich "klein" kann:
Ich starte in Sarria, ca 110 km von Santiago de Compostela entfernt.
110 km laufen für Anna. 110 km laufen für mich.
Ich beginne den Weg mit Fragen und vielleicht komme ich mit Antworten wieder nach Hause.

Alles was ich brauche, ist weniger.

Mein zweites Jahresziel. Ich möchte Ende des Jahres nur noch das besitzen, was mich glücklich macht. In meinem Besitz sind so viele unnötige Sachen. Auch wenn sie zum Teil hinter verschlossenen Türen sind, weiß ich, das sie dort sind und es belastet mich.
Klamotten, Bücher, Dekokram, Geschirr, Bastelzeug, Cd's....
Meine Liste ist lang. Einiges habe ich schon geschafft und vieles liegt noch vor mir. 
Aber ich bin optimistisch. An Silvester möchte ich in unserer aufgeräumten Wohnung sitzen - und um mich herum sollen nur Dinge sein, die mir wichtig sind. 
Ich werde es schaffen.


Ich möchte die guten Tage nutzen, um Schritte nach Vorne zu gehen.
Schlechte Tage wird es auch geben. Das ist ok und sie helfen vielleicht auch, alles zu verstehen - irgendwann.
Nur nicht aufgeben. Den Blick nach vorne gerichtet. Weitermachen.

Sarah






Donnerstag, 25. Mai 2017

Zitronenfalter

... es ist nun über zwei Monate her.
Wahnsinn. Wo bleibt die Zeit? 
Die letzten zwei Monate waren kräftezehrend, zwischendurch sehr traurig und leer.
Sie fehlt. Sie fehlt mir und allen Anderen auch.
Es gibt Tage, an denen ich es noch immer nicht begreife/n (möchte). 
Wie kann es sein, dass sie nicht mehr da ist?
Es wird sicher noch seine Zeit brauchen, bis ich verstehe, was der Tod bedeutet. 


Ich möchte Euch von Anna's letzten Tag erzählen. 
Denn dieser Tag - der 22. März 2017 - hilft mir sehr, durch diese schwere Zeit zu kommen. 

An den letzten Lebenstagen von Anna haben wir uns alle immer abgesprochen, wer, wann bei Anna im Krankenhaus ist, damit sie nie alleine ist. 
Am 22. März - es war ein schöner sonniger und warmer Frühlingstag - war es anders.
Wir  - ihre komplette Familie, ihr Mann und ihre beste Freundin, waren morgens unabgesprochen alle da.  Es war für uns alle irgendwie selbstverständlich bei ihr zu sein. 
Ich war bei Anna im Zimmer - sie schlief friedlich, sie hatte keine Schmerzen. 
Ich hatte ihre Kerze, die sie zu Hause immer an hatte, für sie mitgebracht.
Ich habe sie für Anna angezündet und sie auf den Tisch gestellt.
Danach ging ich zu ihr, sagte ihr, dass ich sie lieb habe und ließ sie mit ihrer Tante wieder alleine.
Es war das letzte Mal, das ich sie lebend sah.
Wir waren anschließend alle zusammen in der Cafeteria im Krankenhaus. Wir erzählten uns Geschichten über Anna, weinten zusammen, lachten zusammen.
Wir alle, die da saßen, waren so so verletzlich und hilflos. Wir wussten alle was passieren wird. 
Es war unausweichlich. Meine liebe Freundin Julia, fand damals den richtigen Ausdruck:
Wir sind alle in einer Warteschleife. Wir konnten nur Warten. Es war schrecklich.
Anna's Schwester, ihre beste Freundin und ich gingen später in einem kleinen Waldgelände, neben dem Krankenhaus spazieren. Wir drehten unsere Runden dort. Wir sprachen ehrliche Worte, wir lachten, als wir uns lustige Erinnerungen von Anna erzählten, wir waren zusammen traurig und hielten uns in den Armen, wir gingen durch den Wald, ohne ein Wort zu sprechen.
Und dann kam dieser Moment, der mir heute immer wieder Kraft schenkt:
Während wir schweigend und in Gedanken bei Anna waren, sahen wir alle drei plötzlich einen wunderschönen Zitronenfalter. Wir waren die Tage zuvor oft in diesem Wald - aber es war das erste Mal das wir einen Schmetterling sahen.
Der Zitronenfalter wurde richtig von den Sonnenstrahlen, die sich ihrem Weg durch die Äste bahnten, angeleuchtet. Er passte irgendwie gar nicht so richtig ins Bild: farblich gesehen, war der Wald noch ziemlich trist. Wenn man richtig geschaut hat, konnte man die ersten kleinen grünen Blätter an den Bäumen erkennen, doch die Spuren vom Winter waren noch ganz klar zu sehen im Wald.
Umso schöner sah er aus, der Zitronenfalter. 
Wir drei blieben abrupt stehen. Schauten ihm gebannt zu und wir alle drei, dachten das gleiche:
Das ist Anna!
Ich schaute ihm nach, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte und als er weg war, wünschte ich mir so sehr, ihn noch einmal zu sehen. Und fünf Minuten später zeigte er sich nochmal und zu unserer Überraschung, hatte er einen Freund mitgebracht. Als hätte Anna uns sagen wollen "Schaut, ich bin nicht alleine."
Die zwei Zitronenfalter tanzten durch den Wald und sahen wunderschön aus.
Es war wirklich ein magischer Moment im Wald. Ganz selig und innerlich ruhig gingen wir wieder zurück auf die Palliativstation zu Anna.
Ich ging den Flur entlang, den ich schon so viele Male gegangen war. Ich blieb an dem großen Bild, das an der Wand gemalt war, stehen. Ich schaute es mir an. Mal wieder. 
Oft stand ich davor, auch zusammen mit Anna. Zusehen war ein Wald, in der Mitte war ein Fluss, drumherum standen Bäume und die Sonne schien in den Wald. 
Das Bild vermittelte "Frieden" für mich.
Und dann sah ich etwas, das ich zuvor nie wahrgenommen hatte:

In der Mitte des Bildes war ein Zitronenfalter gemalt.

Ich habe mir das Bild so oft angeschaut und ihn nie vorher gesehen.
Und plötzlich konnte ich ihn sehen. Das berührte mich so sehr in diesem Augenblick, dass ich dafür gar keine Worte finde, um es zu beschreiben.
Als wir später die Palliativstation verließen, schaute ich mir im vorbeigehen das letzte Gedicht in einem Bilderrahmen, vor dem Ausgang an der Wand an.
Ich las nur die fett geschriebene Überschrift :
Gib mir ein Zeichen.
Nun waren definitiv alle Zweifel weg.
Anna gab mir ein Zeichen. Auch wenn ich zuerst ein wenig ängstlich darüber war, überwog die Dankbarkeit für dieses Zeichen von Anna.
Bis heute.
Jedes Mal wenn ich einen Zitronenfalter sehe, macht mein Herz einen Sprung vor Freude.
Anna ist da. 
Ich war in den letzten zwei Monaten bewusst, ganz viel und oft in der Natur gewesen.
Bin durch Wälder spazieren gegangen und habe viele Fahrradtouren gemacht. 
Zum Einen habe ich das Bedürfnis, die Schönheit der Natur ganz bewusst wahrzunehmen - für Anna mit, da sie es nicht mehr kann und sie die Natur so liebte und zum Anderen bin ich immer auf der Suche nach Zitronenfalter. Und ich habe sie oft gesehen...
In den Momenten ist alles gut. Ich vermisse Anna dann nicht, denn sie ist ja bei mir.
Diese Momente geben mir Kraft und Zuversicht für die nächsten Tage.
Es gibt manchmal auch Situationen, in denen ich einen Zitronenfalter sehe und es schon ein bisschen merkwürdig ist...

Den Freitag nach Anna's Tod, kamen per Post wunderschöne #freitagsblumenfueranna von meiner lieben Julia an. Als ich Julia anrief und mich bei ihr bedankte, schaute ich aus dem Fenster und sah plötzlich einen Zitronenfalter. Zufall?

Als ich Anna's Mann nach der Trauerfeier beim verabschieden umarmte, sah ich einen Zitronenfalter.
Zufall?

Ich fuhr mit dem Auto auf einer Landstraße, hörte Musik, die mich an Anna erinnert und sah plötzlich von weitem etwas mitten auf der Landstraße (weit und breit nichts außer Weide) gemalt.
Jemand hatte einen riesengroßen Schmetterling auf die Fahrbahn gemalt.
Zufall?

Ich wollte gerade mit meinem Herzmenschen Julia spazieren gehen. Julia hat mir vor und nach Anna's Tod sehr sehr geholfen und war für mich da. Als wir los liefen, flog plötzlich ein Schmetterling um uns herum. Zufall?

Ich könnte Euch noch so einige merkwürdige
Situationen erzählen...
Ich gehöre nicht zu der Sorte Mensch, der an "übersinnliche Dinge" glaubt, ganz ehrlich nicht.
Doch diese Erfahrung mit dem Zitronenfalter lässt mich nun dennoch daran glauben, dass es da "irgendwas" geben muss.  
Vielleicht waren die Schmetterlinge auch schon vorher um mich herum, nur habe ich sie nie wahrgenommen. Durch Anna's Tod gehe ich jetzt vielleicht bewusster durch das Leben und sehe Dinge, die ich vorher nicht sehen konnte. 
Könnte auch sein.
Warum es so ist, ist eigentlich egal.
Ich bin zutiefst dankbar für jeden Schmetterling, den ich sehe. 
Es ist dann, als wäre es ein Gruß von Anna.







Samstag, 15. April 2017

Chaos und Zuversicht.



Heute wäre Anna's 36. Geburtstag gewesen.
Am 22. März 2017 um 22:30 Uhr ist Anna eingeschlafen.
Seitdem ist alles anders. 
Ich habe am Tag so viele Gefühle, die gegensätzlicher nicht sein könnten:

Bei dem Gedanken, dass ich Anna nie mehr wiedersehe, werde ich so unendlich traurig.
Sehe ich, wie in der Natur alles zum Leben erwacht, macht es mich glücklich.
Ich habe das Gefühl, dass ich, seitdem sie nicht mehr da ist, alles so intensiv erlebe und ich mehr mit offenen Augen durch's Leben gehe und gleichzeitig denke ich, ich bin unter einer Glaskuppel gefangen und kann nur als Beobachter durch die Scheibe das Leben wahrnehmen.
Zwischendurch fühle ich mich so alleine und leer - und dann erinnere ich mich daran, was ich alles an Liebe bekommen habe, seitdem sie nicht mehr da ist: unsere Familien stehen mehr beisammen, Anna's beste Freundin ist dadurch auch meine Freundin geworden, ich habe so viel Anteilnahme von so vielen Menschen gespürt - sei es durch Familie, Freunde, Kollegen, Bekannte und sogar über Social -Media-Plattformen. Das hilft. Ich weiß, ich bin nicht alleine.
Mal habe ich den Gedanken, ich wäre im Reinen mit allem - und könnte es akzeptieren und dann kommt doch die Wut hoch. Die Wut über die Krankheit, die sich so grausam gezeigt hat. 
Ein ständiges "Warum?" und das Nicht-verstehen sind immer da.
Ich durchlebe jeden Tag mehrere Wechselbäder der Gefühle.
Mal im Minutentakt, mal im Stundentakt.
Doch es gibt auch einen Gedanken, der mir hilft.

Ich weiß, dass Anna da ist.
Anna ist derzeit der Frühling für mich. Anna ist der Zitronenfalter und der Regenbogen.
Anna bringt uns, die ihr alle Nahe standen, immer wieder zusammen.
Anna gibt mir Kraft und Zuversicht.
Anna ist in meinem Kopf lebendig. 
Alles was wir zusammen erlebt haben, läuft wie ein Film in Farbe und guten Sound in meinem Kopf ab und ich fühle mich gut dabei.
Es sind die vielen schönen Erinnerungen, die sie für mich lebendig machen.

Für die Einen mag es Zufall sein, dass ausgerechnet an ihrem Geburtstag dieses im Flow Kalender steht:

Für mich war es Anna.
Anna ist überall. Man muss nur die Augen aufmachen.

Wir werden heute ihren Geburtstag an dem Ort feiern, der ihr so wichtig war: 
In ihrem Garten.
Wir werden uns an sie erinnern, von ihr erzählen und sie feiern.
Dabei werden wir Dankbar sein für jede Erinnerung, die wir mit ihr haben.
Durch unsere Erinnerungen lebt sie weiter für uns.
Jeden Tag. 

Sarah 

Montag, 20. März 2017

Was es mit uns macht

Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzten.

Ich selbst kann entscheiden, ob ich meine ganze Energie für Traurigkeit und Wut hergebe. 
Manchmal geht es einfach nicht anders, man wird überrollt und dann ist man traurig und wütend - 
doch vielleicht hilft es, den Blick bewusst auf das Positive zurichten. 


Das Ganze macht etwas mit uns allen. 
Auch Gutes.
In dieser so verletzlichen Situation sind wir alle, die ihr Nahe stehen, weiter zusammen gerückt. Man spürt mehr Liebe und mehr Zusammenhalt.  Wir sind alle füreinander da.
Viele ehrliche Gespräche haben stattgefunden und wir geben uns den Raum und die Zeit über unsere Gefühle zu reden. Wir sind nicht alleine. 


Schwierige Zeiten lassen uns Entschlossenheit und innere Stärke entwickeln.

Das Ganze hat etwas mit mir gemacht.
Es hat mir gezeigt, worauf es wirklich im Leben ankommt. 
Das ist Familie, Freunde, gemeinsame Erinnerungen, die zu wertvollen Schätzen werden, achtsamer sein, Ziele setzen und sie verfolgen und bei sich zu sein. 
Ich habe mich in der Vergangenheit oft mit Anderen verglichen, habe das gemacht, was man von mir verlangt oder erwartet hat. Mich oft verbogen, oft nichts gesagt.
Schluss damit. Es ist mein Leben und ich möchte es so leben, wie ich es für lebenswert halte. Ich kann über Meinungen anderer stehen, die mir nichts bedeuten.
Ich selbst, weiß was gut für mich ist.
Ich brauche niemanden, der mir sagt, dass die Kombination aus einem großes Haus, ein dickes Auto, zwei Kinder, eine Halbtagsstelle, zwei bis drei Bastelpakete mit den neusten Kollektionen im Monat, große und luxuriöse Urlaube im Jahr und Shoppingtouren durch überfüllte Kaufhäuser gut und genau das Richtige für mich sind.
Wenn all diese Dinge Euch glücklich machen, dann freue ich mich für Euch. 
Mich machen andere Dinge glücklich.
Damit möchte ich mich keinesfalls in ein besseres Licht stellen oder behaupten, meine Dinge, die mich glücklich machen, sind besser. Niemals.
Macht das, was Euch glücklich macht. 
Glücklich sein ist das was zählt - nicht die Art und Weise, wie man es wird.  












Sonntag, 19. März 2017

Da sein.

Nach meinem Blogpost "Veränderung" haben sich viele Menschen bei mir gemeldet und mir liebe Worte geschrieben. Vielen Dank für Eure Anteilnahme.


Vor drei Jahren bekam mein Opa die Diagnose "Darmkrebs".
Als meine Oma mich anrief und es mir unter Weinen sagte, sackte ich zusammen.
Der Satz "es zog mir den Boden unter den Füßen weg" hatte nun eine Bedeutung für mich.
Ich fiel in ein tiefes schwarzes Loch.
Mein Opa. Mein Held. Meine Vaterfigur. Mein Vorbild. Mein Ein und Alles.
Ich konnte es nicht begreifen. Auch da fragte ich mich immer "Warum?"
Wenn ich zu Hause alleine war, konnte ich schwach sein. Ich konnte weinen - stundenlang. Nächtelang. Doch wenn ich bei ihm war, war ich stark. Stark für ihn.
Es gab einige Operationen und dann auch Komplikationen. Angst war mein ständiger Begleiter.
Seit dem Anruf von meiner Oma, war mein Leben nicht mehr so, wie vorher.
Die Unbeschwertheit war weg.
Nach vielen Tiefen und drei Jahre später, kann ich Euch schreiben, dass mein Opa am Montag seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Ihm geht es prächtig. Natürlich hat der Krebs Spuren hinterlassen :
Künstlichen Darmausgang, der Port (für die Chemotherapie) ist noch da, Narbe auf dem Bauch...
Doch vor ein paar Monaten bekam mein Opa die Nachricht, das der Tumor und auch die Metastasen auf der Leber nicht weiter gewachsen sind! Also braucht er erstmal keine Chemo und auch keine Bestrahlung. Ich kann kaum in Worte fassen, was das für ein schöner Moment war!
Schon vor drei Jahren habe ich gelernt, dass es die kleinen Dinge im Leben sind, die wertvoller sind, als all die materiellen Dinge.


Das war meine erste Begegnung mit dem Krebs.
Und leider sollte das nicht meine letzte gewesen sein.
Noch ein geliebter Mensch, gerade mal ein paar Jahre älter als ich, bekam vor zweieinhalb Jahren die Diagnose.
Ohnmacht machte sich breit. 
In den letzten zweieinhalb Jahren gab es so viele auf's und ab's. 
Das Monster schenkte Hoffnung und es nahm sie auch wieder. 
Was musste sie alles ertragen! Was mussten ihr Mann, ihre Familie und Freunde alles ertragen! 
Es hat ihr Leben und das der Menschen, die ihr nahe stehen, grundlegend verändert.
Krebs ist ein Monster.
Krebs ist unberechenbar.
Krebs ist grausam.
Vor fast sechs Jahren haben wir uns kennengelernt. Davor und auch danach habe ich nie mehr einen Menschen kennengelernt, der so Willenstark ist, wie sie!
Auch das Monster konnte ihr diese Willensstärke nicht nehmen.
Sie kämpft. Seit zweieinhalb Jahren. Jeden Tag.
Wir alle, die sie lieben, sind ihre Armee. Wir sind stark für sie und bereit alles, wirklich alles, bedingungslos für sie zu tun. In guten Zeiten waren wir für sie da und in schlechten Zeiten halten wir ihre Hand und versuchen ihr die Angst zunehmen. 
Leider können wir nicht mehr machen. Wir können ihr  den Schmerz nicht nehmen.
Und diese Erkenntnis nicht mehr für sie machen zu können, tut so weh.
Hilflos. 
Ich habe zwei Nächte bei ihr auf der Palliativstation verbracht. Die erste Nacht war so schön. Wir haben uns so viel unterhalten, waren offen und ehrlich zueinander. Wir haben uns den Sternenhimmel auf dem Balkon angeschaut. Wir haben gelacht und in Erinnerungen geschwelgt. Wir haben so viele schöne Sachen erlebt! All diese Erinnerungen sind goldwert für mich. Sie haben mehr wert für mich, als alle Dinge die ich besitze!
An diesem Abend habe ich versucht, mir alles und jede Kleinigkeit genau zu merken. Dieser Abend sollte eine weitere schöne Erinnerung in meiner Schatzkiste werden. 
Das wurde sie auch. Ich bin dankbar für diesen Abend.
Die zweite Nacht verlief leider anders. Sie hatte fürchterliche Schmerzen. Wir haben kein Auge zu gemacht. Oft musste die Nachtschwester kommen. Ich habe sie gefragt, ob ich irgendwas für sie machen kann. Die Nachtschwester sagte: "Nein, du kannst nur für sie da sein. Halte ihre Hand, wenn sie es möchte." Ich habe mich so ohnmächtig gefühlt. Zwischendurch wurde ich so wütend! Was sollte diese ganze Scheiße? Warum muss sie so etwas durchmachen? Ich war wütend auf diese Machtlosigkeit! Verdammt sauer auf dieses Monster!
Wir Menschen können auf den Mond fliegen, können Atomwaffen bauen und Leben klonen - aber wir können keinen Krebs besiegen? 
Ich verstehe es einfach nicht.

Sich generell mit dem Tod auseinanderzusetzen macht keiner von uns gerne. Ich empfinde es in der Gesellschaft als ein Tabuthema. In einer solchen Konsumgesellschaft, in der wir leben, wo höher, schneller, weiter an erster Stelle steht, passt so ein Thema einfach nicht rein. 
Doch irgendwann holt uns alle dieses Thema ein. Wir werden gezwungen einen Weg mit dem Tod zu finden.  Und jeder geht anders damit um. Ich habe in den letzten drei Jahren viele trauernde Menschen gesehen. Alle von ihnen haben Phasen der Wut, der Angst, der Traurigkeit und der Zuversicht  durchlebt. Ich auch. Und doch waren die Phasen bei jedem anders.
Menschen trauern zusehen, tut weh. Einander festhalten tut gut. Wir alle sind mehr miteinander verbunden. Wir halten zusammen. 
Wir alle werden einen geliebten Menschen verlieren. 
Es ist nur eine Frage der Zeit.
Und wenn es soweit ist, werden wir für sie da sein. 
Das ist das einzige, was wir für sie tun können.
Da sein.   










Samstag, 18. März 2017

Veränderung

So lange habe ich hier nichts mehr geschrieben.
Eine Zeit lang hatte ich wirklich keine Lust und ich hatte auch keine Idee, was ich schreiben sollte. 
Instagram ist um einiges einfacher : 
Schönes Foto aussuchen, zwei, drei Sätze dazu schreiben und ein paar Hashtags hinzufügen - fertig. Einfach und schnell.
Bei einem Blogpost habe ich immer das Gefühl, ich müsse mehr schreiben, mehr Fotos zeigen und zudem ist es zeitintensiver.
Die Zeit dafür hatte ich in den letzten Monaten einfach nicht. 
Natürlich hatte ich Zeit! Doch meine Zeit wollte ich dafür nicht hergeben.
Denn es passierte etwas in meinem Leben, dass mich verändert hat und diese Veränderung ist noch nicht abgeschlossen. Und das ist der Grund, weshalb ich hier nun wieder schreibe. Ich möchte diesen Blog nicht mehr ausschließlich für meine Bastelarbeiten nutzen - ich möchte Euch teilhaben lassen an meinen Gedanken, die mich täglich im Leben begleiten. Es wird persönlicher.
Dabei habe ich immer großen Wert darauf gelegt, nicht "so viel" über mich preiszugeben - und schon gar nicht, was meine Gefühlswelt angeht. 
Und jetzt - so kurios es ist - habe ich die Hoffnung, dass es mir helfen wird, wenn ich meine Gedanken teile. Die Zukunft wird zeigen, ob es wirklich geholfen hat...

Das Leben gibt einem manchmal Aufgaben, die für den ersten Augenblick nicht zu bewältigen sind. 
Man bekommt sie mit voller Wucht um die Ohren gehauen und dann stehst du da.
Hast Angst, bist wütend, bist traurig und dein Herz ist schwer wie Blei.
Jeder Atemzug tut weh, jeder Schritt ist schwer. Du kannst nicht schlafen und wenn du schläfst, dann träumst du davon. Morgens wachst du gerädert auf, dein Kopf pocht und trotzdem denkt er ununterbrochen an diese Aufgabe. Und so geht es lange. Tag für Tag. 
Und dann kommt irgendwann der Augenblick, wo man erkennt, das sich etwas verändern muss - die innere Haltung muss sich ändern, damit man die Aufgabe zumindest ein bisschen versteht und dann kann man versuchen, Stück für Stück sie abzuarbeiten. 
Ich weiß das diese Aufgabe prägend für mein Leben ist und ich werde mein Leben lang an dieser Aufgabe arbeiten. Ich kann mich davor nicht verstecken, ich kann die Augen davor nicht verschließen. Was ich aber machen kann, ist, sie anzunehmen. 
Denn dann hat diese Aufgabe nicht die Chance mich aufzufressen. 


"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Überzeugung, dass etwas Sinn hat, egal, wie es ausgeht."
                                                                                  Vaclav Havel


Es tut wahnsinnig weh, wenn einem die Hoffnung genommen wird, dass es nie wieder gut wird. 
Hoffnung ist doch das, was uns antreibt. 
Und dann gibt es sie nicht mehr. 
Die Aufgabe hat - wenn überhaupt - nur den Sinn, dass ich meinen Blick auf das Leben verändert habe. Kleinigkeiten im Leben weiß ich viel mehr zu schätzen und ich habe begonnen, jeden Tag als ein Geschenk zu sehen. Ich versuche, mich nicht mehr über Dinge zu ärgern, die ich eh nicht ändern kann und ich habe angefangen mich mehr mit mir auseinanderzusetzten. 
Dazu demnächst wohl mehr.
Ansonsten hat diese Aufgaben absolut keinen Sinn für mich. Ein ständiges "Warum?" schwebt immer über diese Aufgabe. 

Ich werde einen geliebten Menschen verlieren. 

...jetzt habe ich es geschrieben. Und diesen Satz zu lesen, tut weh und raubt mir den Atem.
Aber ich kann meine Augen davor nicht verschließen. Es ist die harte Realität.

#krebsisteinriesenarschloch

Das alles hier zu schreiben, soll mir helfen mit meinem "Abschiednehmen" umzugehen. Ich möchte weder Mitleid, noch Aufmerksamkeit dafür bekommen. 
Ich möchte meine Gedanken "los werden", in der Hoffnung, das mein Herz ein wenig leichter dadurch wird. 
Vielleicht wird mein Herz dadurch nicht leichter und ich lasse das hier mit dem schreiben - aber zumindest habe ich es versucht. Machtlosigkeit ist derzeit ein großes Thema bei mir, deshalb möchte ich alles tun, was ich noch tun kann.

Ich möchte nicht der Spielball des Schicksals sein.

Trotz Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit bei manchen Dingen im Leben, dürfen wir niemals die schönen Dinge im Leben aus den Augen verlieren. 



Sarah